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Anti-Gewalt-Training mit Probanden der Bewährungshilfe

am Landgericht Regensburg / Straubing

 

Problemstellung/ Begründung: Gewaltstraftäter stellen eine große Klientengruppe in der Bewährungshilfe dar (in Regensburg sind aktuell (2007) 22 % aller erfassten Delikte Gewaltdelikte).
Neben diesem quantitativen Aspekt  sind es aber auch „qualitative“ Aspekte, die die Notwendigkeit einer speziellen, gezielten Behandlung dieser Tätergruppe nahelegen (oftmals gravierende Folgen für die Opfer, häufig eine eminente Gefährlichkeit der Täter).
Der Schwerpunkt der Behandlungsmaßnahmen verschiebt sich in den letzten Jahren zunehmend – neueren Erkenntnissen der Therapieforschung folgend – weg von der ausschließlichen oder überwiegenden Förderung der sozialen Integration hin zur gezielten Erhebung und Bearbeitung von Risikofaktoren und das Rückfallrisiko mindernden Interventionen (vgl. www.ji.zh.ch).

Dabei gewinnen insbesondere deliktspezifische, strukturierte, kognitiv-verhaltensorientierte Lernprogramme in Gruppen zunehmend an Bedeutung (ebda).

 

Zielgruppe: Zielgruppe unseres AGTs sind männliche Probanden der Bewährungshilfe beim Landgericht Regensburg, deren Gewaltbereitschaft in Gerichtsurteilen dokumentiert ist oder in der Betreuungsarbeit registriert wird.

Eine Weisung im Bewährungsbeschluss ist weder Bedingung noch Ausschlusskriterium. Die Altersspanne der Teilnehmer reicht von ca. 18 bis 30 Jahren. Durch diese Konzentration auf junge Erwachsene sind lebensalterspezifische Unterschiede kaum festzustellen.

 

Ort und Ausstattung: Das Training wird in geeigneten Räumen außerhalb der Bewährungshilfe durchgeführt, die bisher entweder kostenlos zur Verfügung gestellt (Justizvollzugsschule Straubing) oder angemietet (Kulturzentrum Regensburg) wurden.
Es wird grundsätzlich von mindestens zwei BewährungshelferInnen geleitet (2007 waren wir zu dritt).
Mit dem regionalen Bewährungshilfe-Förderverein Starthilfe e.V. steht ein Finanzpartner für Raummiete, Bezuschussung der erlebnispädagogischen Einheit  und sonstigem Bedarf  zur Verfügung.

 

Zeitplan: Unsere Überlegung war, dass „Gruppenlernprogramme“ – wenn sie dauerhaft an einer Dienststelle zusätzlich zur Einzelfallhilfe institutionalisiert werden sollen - sowohl für die Teilnehmer (Aufrechterhaltung der Motivation) als auch für die „Trainer“ (= BewährungshelferInnen)  kompakt und in einem überschaubaren Zeitraum durchführbar sein müssen.

Deshalb wird unser AGT in ca. 10 Arbeitseinheiten  (in Abhängigkeit von der Gruppengröße, s.u. und dem gruppendynamischen Geschehen, s.u.) einmal wöchentlich abends durchgeführt. Zwei zusätzliche Einheiten finden als erlebnispädagogische Veranstaltung zur Gruppenbildung und Förderung der Zusammenarbeit am ersten Samstag nach Beginn statt.
In den Vorjahren wurde diese erlebnispädagogische Einheit in einem Hochseilpark, dieses Jahr als spezielle Gruppenveranstaltung in einem stillgelegten Bergwerk durchgeführt. Die Durchführung dieser Veranstaltung wird „eingekauft“ und obliegt der erlebnisAKADEMIE.

Erstmalig wurde 2007 auch ein Intensivtag an einem Samstag gegen Ende des Trainings mit 3 Arbeitseinheiten eingesetzt.

Pro Arbeitseinheit werden bei einer Gruppenstärke von durchschnittlich 6 anwesenden Teilnehmern 120 Minuten veranschlagt. Für eine größere Gruppe müssen entsprechend mehr Arbeitseinheiten kalkuliert werden, da eine Verlängerung der Dauer einer Arbeitseinheit nicht sinnvoll ist (Aufmerksamkeitsprobleme).

Für das eigentliche Training sind bei dieser Gruppenstärke somit ungefähr 24 Stunden über einen Zeitraum von etwa 2 Monaten anzusetzen. Mindestens die gleiche Stundenanzahl ist für Organisation, sowie Vor- und Nachbereitung aufzuwenden.
Die Trainertreffen finden sowohl unmittelbar nach den Arbeitseinheiten statt (um insbesondere die emotionalen Aspekte der vorangegangenen Sitzung bewusst halten zu können), als auch speziell zur Vorbereitung zwischen den Arbeitseinheiten an einem anderen Tag.

Die bestehende Bewährungsunterstellung der Teilnehmer sowohl vor als auch nach dem Training wird von uns  als Möglichkeit zur Motivation und Nachbetreuung, –bearbeitung gesehen. Auch dadurch kann das Training in dieser Kompaktheit durchgeführt werden.

Ziele, Methoden und Effekte: Die  Konzeption wurde von uns selbst in Anlehnung vor allem an das Essener-AGT, sowie  das Ulmer-AAT speziell für unsere Vorstellungen entwickelt.

Unser AGT wird als „Soziale Gruppenarbeit“ (Methode der Sozialarbeit) mit gruppendynamischen Techniken (Erlebnischarakter) und gruppendynamischen Übungen (Trainingscharakter) durchgeführt. Unsere Programmatik berücksichtigt das Entwicklungsmodell von Gruppen nach Bernstein und Lowy (Phasenmodell). Empfehlungen aus der Gruppenleiterfortbildung der bayerischen Justiz haben wir weitgehend übernommen (zwei Trainer, Nachbesprechung unmittelbar nach den Sitzungen u.ä.).

Folgende Themenblöcke und Ziele werden behandelt und angestrebt:

Erfahrungen/ Empfehlungen: Seit mittlerweile sieben Jahren führen wir – mit wechselndem Erfolg – Gruppenarbeiten mit Probanden durch. Unsere Überzeugung und somit Empfehlung an die Leitungs- und Koordinierungsebene lautet: wenn Gruppenarbeit (oder „ strukturierte Lernprogramme in Gruppen“ oder „deliktorientierte Trainings“ oder …) tatsächlich als fester Betreuungsbaustein in der Bewährungshilfe etabliert werden soll, müssen förderliche strukturelle und personalpolitische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Andernfalls bleiben Gruppenarbeitsangebote beliebige, unverbindliche und dem Engagement Einzelner vorbehaltene sozialpädagogische „Spielfelder“, was aber gleichzeitig einer Entwertung dieser wertvollen Methode gleichkommt.

Ansprechpartner: Bewährungshelfer des Landgerichts Regensburg Wolfgang Mayer und Arno Rossbund

Straubing / Regensburg im Oktober 2007